aus: stadt/land/stopp. Gedichte. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2006.

 

paris

ich bediene das klischee, unfähig es nicht zu bedienen
als ein hormoneller in der stadt der angedichteten gefühle
ich steige auf den turm & küsse die mitgebrachten lippen
eines mädchens, deren augenlider sich versenken
warm verankerte hände am quai, ein dreckiger fluss, der
sich rein spiegelt im saftigen pupillenloch des andern, luft
wie pisse, müllfresserbäuche, metrocretins usw.
sickern nicht ein ins herz, das blutiges glück pumpt
kontaminieren nicht die optische achse ins zuckergehirn
ich mache urlaub von gesprächen über armut & soziales
ich lasse die vorstädte sich gen mitternacht schächten
(tollwutes wild) ich bleibe im zentrum der liebe zurück.

 

/blackbox/

1

in solchen höhen machen mädchen
engelsgleichen wesen nachempfunden appetit
& schenken nach sooft du willst
ihr lächeln still & sind dir schön
dass dir der luftraum fester scheint
himmelreiche werden so gegründet.

(mit dir sind himmelreiche nicht zu gründen)
kurs: drehkreuz bangkok / du witterst
10 h deinen tod, wenn du 10 h fliegst
wenn du 2 h fliegst nur 2, das ist
vergleichsweise erholsam europa.

das füttert & funkt flüssig fliegende mandelaugen
zugegeben kleine träume! die /blackboxblackbox/ singt
mors certa hora incerta – die uhr geht todsicher falsch
nun lach doch mal, du musst trinken, du trocknest ja
aus bis über indien, wenn du jetzt kaust, hühnchen & reis
halleluja, der henker zockt in der düse, dein schweiß
ist ein zähes gewicht.

ja, alles wär ruhiger ballistisch
wenn ihre hand in deine käme
wenn es dich erwischt

(dann euch)

2

mindestens 10.000 km vom geruch weg nach dir, 6 stunden licht
versetzt, diese katze das schwein, die wie ein frosch macht
vorm fenster, ich könnte anrufen threedollarperminute dir flüstern:
da sei nichts einzuschläfern, mich lächerlich machen, weinen
die katze essen, sagen: ein notfall, die nerven, ich ersetz das geschöpf
den mond suchen, sich an dinge halten, die uns beide sehen
deutsche romantik praktizieren, spaziergänge dehnen, gewiss, wolken
verhangene dachlandschaften, schweiß, seit wann produzier ich
halbtägiges fliegen, düsen, die worte halten, reis felderschatten? was
war sonst in guten halben tagen? mahlzeiten 2, klogänge 2
dich sehen, befriedigend, wunderschön, neandertalerjetlag, neander
taler
jetlag.

3

sie essen kaum noch hunde, kleine hunde
auf den straßen sind beweglich geworden
inzwischen schick; ho chi minh ist auf den hund
gekommen, im marmorwürfel angekommen
spannt die haut; wie hündisch muss man ticken
im nieselregen an der leine immer um
den see herum, nach dir die haut ausrichten
ich hätte hund gegessen in den straßen, hätte
mich essen lassen als dein toter hund a. d.

4

du vögelst die schwerkraft
über landstriche weg, material, fremd
festgeschraubtes auf der scholle
dns, die besser klebt
punktgenau
kommt klima entgegen
die andere jahreszeit, ein tritt
aus der flughaut heraus
gut durchgeimpft
für ein wittern:
unverdünnt der staub
der alles überzieht, die ärmlichkeiten
das hilft, millisekunden, immerhin
es ensteht die idee
es ginge dir gut.

5

ich habe mir die zweite haut gemacht
einreiher schwarz & manschetten, 20 $.
ein letztes mal in der ordnung sein
ins reisfeld gehen, sich legen
ins wasserbüffelland & stickstoff sein.
mit dem mofa reinfahren, bleiben
eine kleine familie durchbringen
in der schüssel hocken, nahrhaft sein.
mal wieder lebhaft & schön.

6

gleich knipst die sonne aus, letzte farbwahrnehmung, brandung
röchelndes braun
verschmiertes tier, kaum muscheln, auch der mond ein suchspiel
dermaßen über dem schädel, das ist neu
ein klimatisches phänomen (so experten, reiseführerpäpste):
die schönen frauen von hué nur ein trugschluss
(gehirnaktives unterfangen) ein parfümierter fluss mischt sich ein
weicht die windungen auf (ätherische öle)
auf dem fleischmarkt hockend, kartendreschend, fläzend, blut an
den schürzen, umgeben von ihrem vieh
zerstückeltem (geviertelten schnauzen, gewürfelten flanken)
hab ich mich sicher gewähnt; sie lachten laut
sie hielten ausgerissene herzen hin (die kleinen zehen spielten
flink mit dem gekröse) von ihren tischen
nahm ich rotes fleisch, kaufte herzen stiller tiere ein & zungen.

7

rückflug boeing: die kleine thai
kann es einem antun, ihr lächeln
bei jedem schluck coke (in die kehle gejagt, krachend)
das zackige land unter den düsen
entzündlich (ganz du) du schneidest
grimassen am fenster in die dunkelheiten ein, du spürst
dort unten schläft der große mohn
& in den bergen sehnt man sich
dich als ein gottloses ding zu verbrennen …

 

 

aus meinen augen schauen meine väter
wie aus einweckgläsern: formlose früchte.
ich hebe sie auf in regalen im keller.
ich esse sie nicht. ich hole mir frisches
von den köpfen die wandern mit mir
auf sinkenden hinkenden gliederkästen.

nur manchmal stoß ich von hinten dagegen
dann liegt ein vater drinnen in scherben.
& morgen lieg ich im keller von söhnen
& halte mich fest in den dunklen regalen.

 

zauber

als du kamst, du hättest mich sehen sollen
ein ängstlicher wurm
du einer, der die angst überwunden hatte
(sich einließ mit mir)
hast geatmet, in mein gesicht: ein & aus
so ausgesehen für sekunden
wie der vater, der tot ist, geisterwesen du!
ich hab dich hochgehalten
auf zauber geprüft, mich für immer verliebt
das hat gedauert –
das waren schmerzen, ich dachte
falsch zu sein
der einzige mensch ohne instinkte.

 
(die weichen finger deiner mutter
die wuchsen mir nicht über nacht)

 

in vasen

großblütig äugt
kindlich magnolia
hungrige rosa
tulipa schläft
ohnmächtig schon
dämmerndes kind
schneewittchen im glas
sarg & kein prinz