aus: gänge. Gedichte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2009.

 

spaziergang I

zuerst die straße bis zum ende, die legende:

er sah sich rohrverlegung an, von innen
gesehen hat jedes rohrstück diesen dünnen
gummiüberzug, der grünt, für gute strömung.
es tut so gut, den grünen strömungsgummi
zu berühren; das fühlt sich reicher an an allen
fingerspitzen: glatt & frisch, weich wie fisch
wie junge haut. es kann nicht besser werden
sobald man um die ecke geht, doch wird es

besser! hier ist: kein rohr, hier ist ein aus-
gesprochen frisches ohr! verlegt? liegt da
als wär es da zuhaus? was täuscht. heb auf!
auch wenn sich gar nichts reimt, reim zu-
sammen: abgegangen von allein; jetzt steck
es ein & halt es fest & lauf es ab mit allen
fingerkuppen, im tiefen taschenohrversteck!
es tut so gut, die knorpelkanten sanft entlang-
zustreichen! es kann nicht besser werden
sobald man in den park einbiegt, doch wird es

besser! hier liegt: kein ohr, hier liegt ein chor-
gesang im ohr, wenn man die wiesen, auch
die blumenbeete, überläuft, doch unsichtbar!
schnall mal das eigne ohr aufs gras & lausch!
klarer fall: unterwiesenschall! es tut so gut
die finger tief ins erdfach einzuwühlen, die ganze
bohrhand, bis zum ellenbogen & dann fühlen:
die blanken schädeldecken streng in reih & glied
die blanken münder, wie die gehen: auf & zu
die starke luft, die in die hand einströmt dabei
bei jedem ton. ei, wie das tönt! echt lustgewinn

sagt die legende: spazieren gehen ohne ende

 

hölle

schlag dir das köpfchen mit einem schlag
ab! esse die äuglein, schlucke ein lämpchen
zieh auch zwei drähtchen bis zu den äuglein
drücke von außen die taste, dreh’s rädchen
siehst du beleuchtet von innen die hölle
klippen & trolle, ausgedehnte blubberseen
aufgelöste ballen, stollen, nirgendwo nirgendwo
feen. – überall falten, überall waltet
knüppelnde, treibende, stückelnde kraft.
alle die äuglein drehn sich & sehen
saugen & glauben sich tüchtig dran satt:
DAS IST DIE HÖLLE von innen besehen!
ziehe am drähtchen & zieh jedes äuglein
nach draußen & hole das lämpchen herauf
heb dir das köpfchen mit einem hub drauf.

 

spazieren

leicht, dich zu lieben, schwer

heute leicht, morgen schwer

wie panzer vielleicht, vielleicht auch nie
dass es aufhört, unerhört leicht
nur manchmal, dass es aufhört
wie mit dem hammer
draufgehauen. sperrfeuer.
erklären soll man das nicht.
das renkt sich gewöhnlich
gleitend so ein beim spazieren
über stock & stein, als wär
dein bein mein bein & wer ich bin
ist dann ganz gleich. nicht länger schwer.
wie luft vielleicht.
unfassbar leicht, dich zu lieben –

 

fötotomische ballade

das fault sich schnell im mutterleib & aast dahin, das kalb
verdreht, blockiert. des muttertiers ziegelrote augenschlitze.
ein guter mann pflanzt seine faust ins fleisch, setzt kalt

die säge an & sägt dem milchvieh durch die aufgeschäumte ritze
die leibfrucht klein: ein vorderbein & noch ein bein & noch
– dem guten mann steckt in der hirnhaut eine mörderhitze –

ein letztes bein! in scheiben heckt der rumpf durchs loch!
die färse presst die fehlgeburt, als wär sie nicht in stücken!
der gute mann am kettenglied, zieht – jede schläfe pocht –

den kopf wie einen stöpsel raus: aufgetürmter rücken
die wirbel: messerstecherei, das fleckvieh stöhnt entschimmelt.
in der wanne liegt nun alles, stirn an steiß, die fliegen zücken

das geschlecht: gebrumme. auf den puzzleteilen: gewimmel.
ein lichtstrahl fällt ins zink & wirft sich dort aufs rot & schwarz.
die mutter glotzt, im fleisch verschnürt, in eine pfütze himmel.

der gute mann befiehlt: „das aus dem blick geschafft!“

 

savannengang

du sollst ewig leben, steht geschrieben im kern des löwen.
die thomsongazelle in ihrer pracht – wird lückenhaft
muskelstränge, jäh abgerauft, schwacher pulsschlag
herzschlag noch. du sollst ewig leben, steht geschrieben
im kern des löwen, die kleinen säbel am gesäuge
rasselnder schmerz. du sollst ewig leben, steht geschrieben
im kern der gazelle, kurz vor dem auswurf im gebüsch
kaum wind & doch. du sollst ewig leben, steht geschrieben –
steht geschrieben.