aus: Aufzeichnungen eines albernen Menschen. Erzählungen, Verlagshaus J. Frank, Berlin 2014.

 

 

Kassette

Als ich heute Morgen die Augen aufschlug, lag ein Gegenstand auf meinem Nachttisch. Ein Gegenstand, der mir gar nicht gehörte. Ich machte mir Kaffee, ging mit dem Hund spazieren, fütterte ihn mit einem Light-Trockenfutter, überpudert mit einem weißen Pulver, einem Appetitzügler, frühstückte dann selbst und sagte mir schließlich: Es wird langsam zu anstrengend, diesen Gegenstand auf meinem Nachttisch noch länger zu ignorieren. Ich nahm ihn also vorsichtig in die Hand und betrachtete ihn eine Weile.
Es handelte sich um eine kleine Kassette.
Ich ging mit dem Hund in ein Elektrofachgeschäft, legte die kleine Kassette auf den Verkaufstisch, und bat darum, mir ein passendes Abspielgerät zu zeigen. Ein übergewichtiger Verkäufer stellte mir mit beträchtlichem Eifer ein solches Gerät neben die kleine Kassette und sein Mund, der auf irgendetwas herumkaute, verzog sich zu einem Grinsen. Aber vielleicht bildete ich mir das alles auch nur ein, denn die Bewegungen der Mundwinkel waren, wenn überhaupt, minimal gewesen.
Obwohl der Preis horrend war, zögerte ich nicht und räumte sofort mein Portemonnaie leer. Ich musste mich schon sehr über mich wundern – aber so sehr nun wieder auch nicht. Ich ging nach Hause und setzte mich auf mein Sofa. Im Grunde hatte ich gar nichts vor an diesem Tag, sodass ich mich glücklich schätzte, etwas auf meinem Nachttisch gefunden zu haben, was mir gar nicht gehörte. Ich hatte die Kassette bereits eingelegt und den Daumen auf der Abspieltaste, als mir einfiel, dass ich mich nicht erinnern konnte, zusammen mit dem Hund zurückgekommen zu sein.
Ich ging ihn suchen. Er war noch immer im Elektrofachgeschäft. Ich stand jetzt direkt vor ihm und er wedelte nicht ein einziges Mal mit dem Schwanz. Er habe ihn gleich gefüttert, um ihn zu beruhigen, meinte der Verkäufer, der kauend aus einer dunklen Ecke hervorkam. Und als wäre es die größte Selbstverständlichkeit der Welt tätschelte er meinem Hund immerzu den Kopf, was mir missfiel. Aber noch mehr missfiel mir, dass sich mein übergewichtiger Hund überhaupt auf so ein Techtelmechtel eingelassen hatte. Nun ja, sie hatten also zusammen gegessen, das war nicht rückgängig zu machen, sagte ich mir und verließ das Geschäft, ohne den Verkäufer noch einmal eines Blickes zu würdigen. Nie wieder würde ich diesen Laden betreten, so unverschämt kam mir das Verhalten dieses Verkäufers vor. Der Hund leckte sich ununterbrochen die Lippen.
Zwar konnte ich nicht genau wissen, wie viel verfüttert worden war, doch glaubte ich plötzlich fest daran, dass es mehr als reichlich gewesen sein musste. Und hatte ich schon mal einen festen Glauben, dann verließ ich mich auch darauf, so war es immer gewesen und ich bezweifle, dass es mir je anders ergehen wird, ich hänge schließlich an meinem Glauben. Ich glaubte übrigens auch fest daran, dass mich das Abspielen der Kassette ganz ausgezeichnet unterhalten würde, aber warum ich das dachte, kann ich beim besten Willen nicht sagen.
Ich setzte mich zusammen mit dem Hund auf das Sofa und drückte die Abspieltaste. Eine grüne Lampe leuchtete am Gerät auf, schabende Geräusche waren zu hören, dann ein Rauschen, nur kurz, dann Stille, dann eine Stimme, eine Männerstimme, die ich nicht kannte – woher denn auch, die Kassette gehörte mir ja schließlich nicht. Dass mich die Stimme mit meinem bürgerlichen Namen ansprach, war seltsam, das schon, aber nicht beunruhigend – ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen. Nichts!

Mein sehr geehrter Herr Elz, Sie werden sich wohl sehr gewundert haben, dass heute Morgen eine winzig kleine Kassette auf Ihrem Nachttisch lag, die Ihnen gar nicht gehört. Mein Freund und Schwager, ein arbeitsloser Schlosser, war mir dabei behilflich, Ihre Wohnung so leise wie möglich zu öffnen und nicht den geringsten Schaden an Ihrer Tür zu hinterlassen. Wir wussten natürlich, dass Sie ein Hundebesitzer sind, und haben Ihrem Hund heute Nacht etliche Leckereien verabreicht, die ihm ganz vorzüglich geschmeckt haben. Dafür machte er auch keinen Krach, ganz so, wie wir es uns erhofft hatten. Stellen Sie sich vor, Ihr Hund wollte uns sogar aus Ihrer Wohnung hinterherlaufen, aber wir konnten seinen Kopf mit äußerster Vorsicht zurück durch den Türspalt drücken. – Nun, wahrscheinlich wird es Sie brennend interessieren, warum ich, ein Fremder, zusammen mit meinem Schwager, einem arbeitslosen Schlosser, überhaupt mitten in der Nacht in Ihre Wohnung eintrete. Ich sage absichtlich nicht einbreche, denn wir sind sehr vorsichtig mit Ihrem Besitz umgegangen und haben nicht das Geringste entwendet. Im Gegenteil, wir haben zwei frische Würste und eine Kassette in Ihre Wohnung hineininvestiert, wenn Sie mir erlauben, es auch einmal so zu sehen und zu sagen. Aber es stellt sich natürlich immer noch die Frage: Warum? Warum habe ich das alles getan? Aus Armut und Verzweiflung, mein Herr! Ja, das ist vielleicht die ehrlichste Antwort, die ich Ihnen geben kann. Und auch mein Freund und Schwager, müssen Sie wissen, der arbeitslose Schlosser, hat sich einzig aus Armut und Verzweiflung dazu durchgerungen, mir heute Nacht behilflich zu sein. Nun vielleicht kam noch ein bisschen Langeweile hinzu, aber das ist ganz unwesentlich, das müssen Sie mir glauben. Und noch etwas: Ich habe mich keine Sekunde länger bei Ihnen aufgehalten als unbedingt nötig. Ich habe Ihre Wohnung auf dem kürzesten Wege durchquert, die Kassette sogleich auf Ihrem Nachttisch abgelegt und die Wohnung unverzüglich wieder verlassen. Ich will ganz offen mit Ihnen reden, das alles ist natürlich nur derart direkt und ohne Zeitverzögerung möglich, wenn man das Objekt bereits kennt. Um mich nachts nicht länger als unbedingt nötig bei Ihnen aufzuhalten, habe ich mich mit meinem Freund und Schwager, dem arbeitslosen Schlosser, schon einen Tag vorher gründlich in Ihrer Wohnung umgesehen. Sie hatten das Haus mit einem Einkaufsbeutel verlassen und wir wussten, dass Ihre Einkäufe gewöhnlich sehr lange dauern. So hatten wir genügend Zeit, um Ihre Wohnung einmal in Ruhe durchzugehen. Bei dieser Gelegenheit haben wir auch Ihren Hund das erste Mal gefüttert und festgestellt, was seinen Schwanz zum Wedeln bringt. Wir wollten einfach so wenig wie möglich dem Zufall überlassen, um Ihre Nachtruhe auf gar keinen Fall zu stören, wir wissen ja, Sie sind ein vielbeschäftigter Mann. Ich habe sogar eines Ihrer Bücher gelesen und muss sagen, es hat mich richtig zum Lachen gebracht, wenngleich man doch merkt, dass Ihr Grundgefühl von großer Traurigkeit ist. Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen. Wissen Sie, ich habe auch so ein Grundgefühl großer Traurigkeit, genau wie Sie, bin aber zu dumm oder zu ungeschickt, um ein Buch zu schreiben. Meinem arbeitslosen Schwager und Schlosser geht es genauso. Das ist auch der Grund, warum wir uns dazu entschlossen haben, Ihnen heute Nacht diese Kassette, die Sie gerade hören, auf den Nachttisch zu legen. Wir wissen natürlich, dass Sie kein Millionär sind, das sieht man an Ihrer Wohnungseinrichtung, an Ihren Kleidungsstücken, den Lebensmitteln in Ihrem Kühlschrank, aber ohne Zweifel haben Sie mehr Geld als wir. Und Anerkennung haben Sie, womit Sie sich, denken wir, immer auch etwas trösten können. Wir haben Ihr Bild erst neulich in der Zeitung gesehen, und eigentlich war das auch der Anlass, sich bei Ihnen zu Hause einmal in Ruhe umzuschauen. Übrigens sind Sie nicht der Erste, dem wir eine Kassette auf den Nachttisch gelegt haben. Glauben Sie mir, man erlebt so seine Abenteuer nachts in fremden Wohnungen. Bei Ihnen hat es uns bis jetzt am besten gefallen, gerade weil nichts Unerwartetes passiert ist, und wohl auch, weil wir beide, mein Schwager und ich, uns ein bisschen in Ihren Hund verguckt haben. Aber keine Angst, wir nehmen Ihnen Ihren Hund auf keinen Fall weg, wir nehmen Ihnen gar nichts weg, wir haben Ihren kleinen, verfressenen Hund nur einfach gern. Er ist bestimmt ein guter Kamerad. Vielleicht sollten wir uns auch so einen Kameraden anschaffen, dachten mein Schwager und ich, als wir nach dem Abliefern der Kassette noch ein Bier vor Ihrem Haus getrunken haben. Die Nacht war ganz mild, und es roch gut von den Hecken herüber, gegenüber von Ihrem Haus. Sie wohnen überhaupt sehr schön. Und wenn Sie schlafen, sehen Sie sogar glücklich aus, wussten Sie das? Natürlich habe ich Sie kurz gesehen, wie denn auch nicht, ich musste doch schließlich bis zu Ihrem Nachttisch gelangen. Aber bitte glauben Sie mir, ich habe nur ein einziges Mal hingeschaut, vielleicht nur eine Sekunde, auf keinen Fall länger! – Ach, ich rede und rede und rede und habe Ihnen bei all meiner Redseligkeit immer noch nicht deutlich machen können, warum das alles nun wirklich passieren musste! Ich bin arm, müssen Sie wissen, weil ich nichts richtig kann. Ich bin bloß ein sehr wenig talentierter Verkäufer in einem kleinen Elektrofachgeschäft ganz in Ihrer Nähe und habe einhundert völlig veraltete Abspielgeräte für winzig kleine Kassetten bestellt, als mein Chef im Urlaub war. Auch mein Chef ist nicht reich, müssen Sie wissen, aber immerhin, er kann in Urlaub fahren. Ich dachte, diese Geräte seien noch überhaupt nicht veraltet und wollte meine wacklige Position in diesem altehrwürdigen Elektrofachgeschäft verbessern, indem ich endlich etwas wage. Es ging um die Lieferung von eintausend – jetzt kann ich ja doch ganz offen mit Ihnen reden, es sind nicht einhundert, sondern eintausend – dieser völlig veralteten Abspielgeräte für winzig kleine Kassetten, die ich außerordentlich günstig bestellen konnte. Ich sagte Ihnen ja bereits, dass ich nichts richtig kann. Selbst auf meinem Spezialgebiet, der Elektrotechnik also, habe ich im Grunde nur völlig unzureichende Kenntnisse, sonst wäre mir dieser Fehler ja gar nicht unterlaufen und ich hätte nicht zweitausend solcher Abspielgeräte gekauft, dazu noch mit meinem eigenen Geld, anstatt mit dem Geld meines Chefs. Nun ja, es sind exakt zweitausendfünfhundert solcher Abspielgeräte, nicht eins mehr. Also eins weniger, weil Sie, wenn Sie mich gerade hören, mir eines davon zum Preis von zweien abgekauft haben. Ich entschuldige mich dafür, aber ich war schrecklich verzweifelt. Im Grunde sind Sie eben doch der Erste, bei dem wir in die Wohnung eingetreten sind, ich habe mich einfach nicht getraut, es Ihnen gleich am Anfang einzugestehen. Vielleicht fragen Sie sich ja jetzt auch, wie ich überhaupt zu dem ganzen Geld gekommen bin, um zweitausendfünfhundert dieser Abspielgeräte zu bestellen. Ich war nicht ganz arm vorher, das stimmt, aber um welchen Preis! Meine Frau ist an einem sehr seltenen Fieber gestorben und hat mir ein kleines Erbe hinterlassen, genauer gesagt das Erbe ihrer Mutter, die kurz zuvor an einem anderen, noch viel selteneren Fieber von jetzt auf gleich, also sehr plötzlich, gestorben ist. Das Erbe der Mutter ist sozusagen vollständig auf mich übergegangen, was mich aber, wie Sie sich denken können, nicht im Geringsten trösten konnte, denn ich hatte ein sehr inniges Verhältnis zu meiner Frau, obwohl wir uns schon sehr lange kannten. Verstehen Sie, ich wollte nicht tatenlos zusehen, wie das kleine Erbe zusammenschmilzt, ich wollte es vermehren! Natürlich habe ich einen Fehler gemacht, ganz sicher hätte ich diese Abspielgeräte nicht bestellen dürfen, aber ich bitte Sie, nur einen Funken Verständnis für meine schwierige Lage aufzubringen. Auch im Namen meines Schwagers und Schlossers bitte ich Sie um Nachsicht. Auch er ist ein Mann mit einem harten Schicksal. Doch davon erzähle ich Ihnen ein anderes Mal, auf einer anderen Kassette. Ich danke Ihnen nun von ganzem Herzen für den Erwerb eines dieser Abspielgeräte und kann Ihnen versichern, dass es auch gar nicht gut ist, sich den neuesten technischen Entwicklungen immer sofort an den Hals zu werfen. Das sage ich Ihnen als Elektrofachverkäufer Ihres Vertrauens. Ich biete Ihnen an dieser Stelle ganz offen meine Freundschaft an! Schlagen Sie ein, und ich wäre der glücklichste Mensch! Und besuche mich nur recht bald wieder im Geschäft, dann stelle ich dir auch meinen Schwager und Schlosser vor. Und noch etwas, bitte bestelle auch deinem Hund meine besten Grüße, ich weiß, es klingt etwas seltsam, aber ich denke jeden Tag an ihn.