aus: ich lebe in einem wassertum am meer, was albern ist. Gedichte. luxbooks Verlag, Wiesbaden 2013.

 

die kampfflieger über den klippen sind ein schönes paar
sie fliegen langsam, was nicht leicht ist, ihre bäuche blitzen.
ich habe mich schwindlig gerieben letzte nacht & schmutzig.
ich kann keine schwäne mehr sehen, diese köchinnenhälse.
ich liebe dich längst, weil mein kampfflieger abgestürzt ist.
er flog viel zu langsam am meer & die strömung riss ab.
man kann auch in den wellen seine knochen verlieren.
manchmal bin ich schön, wenn der mond blutig aufgeht.
in den taschen trag ich ausgestorbene tiere mit mir herum.
eines tages werde ich auferstehen mit der macht einer wolke.

 

ich bin fast schön hier, weil ich abgeschnitten bin von den städten.
der ewige bagger am strand, sein hämmern macht lust.
ich habe lippen geküsst, die warm & weich sind wie fische im innern.
ich höre stimmen in mir, die klar & tief sind wie wale im dunkeln.
ich bin reich hier, weil mein panzer abgesoffen ist vor der küste
weil mein kettenhemd abgelegt, mein totenfell abgezogen ist.
die gehirne verlieren sich im sand wie winzige schlüssel.
ich habe nichts zu befürchten, wenn ich die augen schließe.
wenn ich die augen schließe, ist die hölle ein rauschender garten
wenn ich die augen schließe, ist der himmel ein bagger.

 

ich hab noch nie in mir geruht. wie wär das schön.
da tobten stürme, ruhm & ehre, eitelkeiten im gewölk
& ich: ich sitze da & schau dem gras beim wachsen zu.
wie wär das gut, in sich zu ruhen, auf einem stuhl
zu sitzen wie.. ja wie denn nun?.. wie diese kröte.
ich denk, die kröte aus dem gartenteich hat innre ruh.
& auch der stuhl, auf dem sie sitzt mit meinem gesicht.
ich sitze da & schau zum gartenteich & hör ihm zu –
kleine blasen steigen von den goldnen fischen auf.
wie wär das gut, in sich zu ruhen. wie wär das leicht..

 

ich habe fickende fliegen im kopf, ich habe so viele
fickende fliegen im kopf, alles brummt & legt kleine eier.
ich habe dinge zu regeln, wenn ich wieder im haus bin.
wie kann es sein, dass fickende fliegen in mich geraten?
das system muss offen sein. wie liebestoll ist dieses system?
& wenn es offen ist, kann ich mit dem kleinen finger hinein?
& reicht es aus, wenn ich nur einer einzigen fickenden fliege,
während sie fickt, mit dem kleinen finger übers rückenfell fahre
dass es knistert, um selber glücklich zu sein?, weil fickende fliegen
glücklich sind, so steht es geschrieben, & alles glück abstrahlt –

 

warum verhält sich mein herz wie ein idiot?
weil es ein idiot ist, mein herz, von grund auf.
die idiotie meines herzens ist ein osterwunder.
es stirbt & steht auf, stirbt & steht auf & so fort.
manchmal klingt es von außen fast blechern.
dann weiß ich, eines tages stirbt es für immer.
ist mein herz auch idiotisch, so ist mein kopf
ein idiot vor dem herrn! dumm wie er ist
flüstert er meinem herzen & mir gewissheiten zu.
wie sträflich verhält sich dieser kopf, der nichts weiß!

 

ich habe dich in prora geküsst, das hat mich heiß gemacht
auf zwanzigtausend betten, in denen wir uns kräftigen können.
ich sah den panzerkreuzer am strand in meinem kopf
& ich habe mein herz an die graue stahlwand gedrückt
& ein loch eingebrannt, damit die liebe nicht untergeht.
ich war verloren in prora & heiß auf deine dünne haut
als wir in scherben gingen zu unserem zimmer mit seeblick.
gewaltige freuden in uns, als alle fahnen gehisst waren.
auf den fahnen überall möwen, deren flügel brennen.
die nacht leuchtet wie der tag & keine einzige möwe stürzt.

 

wir sind aufeinander gestimmt, wir haben zeichen im blut
die abdrücke von zwei hufen, die beim gleichen schmied waren.
du kannst wegkriechen, aber welches halbe pferd kann springen?
wenn du so halb im sand liegst, verschmelzen wir wieder.
auch ich will weglaufen, weil wir wahnsinnig werden im schnee.
niemand, der uns sieht, ist auf die klebrigen fäden gefasst
die uns verbinden wie unterseeische kabel die kontinente.
ich werde ruhig, wenn wir im auto sitzen & fast einschlafen.
ich denke, wir sind ein tier mit zwei herzen & zwei augen.
wollen wir vernünftig sein, müssen wir zum schlachthof gehen.

 

meine haare zittern, ich klirre, meine nerven sind schrott.
ich habe die flügel voller treibstoff & rieche brennende kabel.
ich habe alle kacheln verloren, mein dunkelblaues hitzeschild.
wenn ich dein haus überfliege, drück ich mich fest an die scheiben
mein cockpit ist voller veilchen, tausend totgedrückte knöpfe.
manchmal träum ich von deiner rakete im garten unter den bäumen
die mich holen kommt, die mich einfängt & wieder versteht.
immer träum ich von faulen äpfeln im garten unter den bäumen
immer träum ich von schlechten manieren im garten unter den bäumen
immer träum ich von einem kniefall im garten unter den bäumen.

 

ich hab einmal ein wort gemacht, ein riesending
da kamen viele wörter schnell & glotzten
so zeilenselig! & bauten gleich drauflos zum kotzen
’nen dom für dieses wort, das dort so still stand
wie’n heiligtum & schon die messe hielt lateinisch!
ich klappte meinen kleinen finger aus & stieß
ihn fest hinein, durchs dach, durch mark & bein
dem großen wort ins offene maul & rührte kräftig um.
da schäumts & krachts & lachts auf einmal menschenzart.
das große wort zerbarst & alle wörter gingen leise heim.

 

viel zeit verbring ich, autos anzuschaun, die mir gefallen.
denn schöne autos stehen da wie schöne häuser auch.
man kann sie ruhig betrachten, nicht wie schöne menschen
die meist vorbeigehn. will man auf ihre schönheit achten
ist es zu spät – schon steigen sie in autos ein, gehn auch in häuser.
viel zeit verbring ich, gräber anzuschaun, die mir gefallen.
denn wilde tiere stehen da, als seien sie zahm.
man kann die füchse ruhig betrachten, wie auch die erde
& die blumen, die dort wachsen, wenn man sie lässt.
viel zeit verbring ich, dinge anzuschaun, die in mich fallen.

 

immer denke ich an deine sommersprossen unterm kinn
die dort im schatten liegen – kleine hunde
auf deinen weißen augenschonern, deckelchen, deckchen
liegen sie auch. vielleicht auch mokkatassen, kleinste tässchen
die ganz reglos stehn. nur mit der zungenspitze
auszukosten. wie leicht verschwitzt das alles ungeheuer
mundet, duftet, still verwundert! angemalte gartenhäuschen.
läg ich im grab mit einer schnur an meiner hand
ich würde klingeln
für jede sommersprosse schrecklich klingeln!

 

ich habe karl roßmann gesehen, halb zwei in der frühe
im hotel occidental, hellwach, das messing blank im lift
wie nirgendwo in new york city. der fall robinson,
der cholerische oberkellner, der sadistische oberportier,
therese, die den koffer packt – alles ist noch ungeschehn.
karl fährt meinen kopf mit seinem lift aufs dach. ein frosch
mein kopf, der auf die leiter muss, wenn sich das wetter dreht
hier in amerika. ich habe karl wie meinen bruder lieb.
ich steh ja selbst hier in amerika, verrückt erwacht
auf einem bein herum, auf einem dach, & heiße robinson.

 

ich wollte klar sein, ich wollte so klar sein wie ich.
niemand durchschaut mich, ich bin aus hellem glas
auf das die sonne scheint, es gibt irgendwo nebel.
fass mich ruhig an, schau durch mich durch auf dich.
ich will dich berühren wie im winter die schneeluft
& wie im sommer der glühende kohlenwind
dass du fühlst & etwas sagst wie: wer hat mich angefasst?
ich will dich anfassen, obwohl ich aus glas bin.
jeder durchschaut mich, wenn er mich anfasst.
ich schneid dich ganz langsam der länge nach auf.

 

ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist
ich bin immer versalzen, aber das süße halt ich nicht aus.
eine katze schlich ums haus & hat sich auf den rücken geworfen.
was das nur soll? ich will keine ergebenheit, ich will liebe.
woher ich meine liebe nehme, ist mein größtes geheimnis.
ich habe einen tank voll davon, aber nicht in meinem turm.
ich bin oft betrunken vor liebe & oft ein stinkendes feld.
das meer ist eine katze, der ich nichts anvertrauen kann.
in den dünen finden sich manchmal die knochen von engeln.
trete ich aus meinem turm heraus, liebe ich heftig die sonne.